Ein Dokument gegen den Krieg
Bewegende Biografie von Rudi Heger,
dem Überlebenden von Lebedjan 35/1, den der Verfasser bei der Suche nach seinem Vater antraf.
Rudi Heger hat seine Geschichte still und leise aufgeschrieben: seine Geschichte von der Lausbubenzeit im Sudetenland, vom Leben im Krieg, von der russischen Gefangenschaft, vom Nachkriegs-Herzogenaurach. Es sollte ein Vermächtnis sein nur für seine Enkel und Urenkel. ...
Rudi Heger ist nicht Schriftsteller von Beruf, er hat sein Geld in der Nachtschicht verdient. Gerade deshalb ist seine Schilderung authentisch und glaubwürdig. Hier schreibt keiner um der Sprache willen, sondern weil etwas aufbewahrt werden soll.
Die Leser, die den Krieg nicht mehr selbst erlebt haben, werden am Ende des Buches vor allem erleichtert sein: Himmel sei Dank, dass diese furchtbaren Zeiten vorbei sind. Das ist die eine Seite. Die andere: Das Buch erzählt uns davon, wie dünn die Schutzschicht ist, die den Menschen vom Bösen abhält. Man werde auch in hässlichen Zeiten ein guter Mensch bleiben? Sehr mutig, wer das von sich schon vorher behaupten will. Und wenn der heute 80-Jährige in seinem Buch schildert, wie er als Heimkehrer in Herzogenaurach Fuß fasst, wird deutlich, dass selbst in besseren Zeiten noch genügend Boshaftigkeit auf den Beinen ist.
Das Buch rechnet nicht auf, behauptet nicht, die Deutschen seien die eigentlichen Opfer gewesen. Aber Heger erzählt, dass es auf allen Seiten viele unschuldige Opfer gab. Dass Rudi Heger überlebt hat, ist ein Wunder. Oder ein Zufall.
Der Leser braucht sich seiner Tränen nicht schämen, wenn er miterleben darf, wie nach fünf Jahren der 22-jährige Heimkehrer Rudi seinen todkranken Vater in die Arme schließen darf. So lange hat der Vater durchgehalten. Kurz darauf stirbt er. Auch wenn Rudi Heger nur erzählt, hier hat er seine wichtigste Botschaft: So lange das Band der Familie hält oder die Verbindung zu Menschen, die uns wertvoll sind, so lange ist Hoffnung da. Hoffnung, die dem schnell verloren geht, der nur auf Nation, Überlegenheit oder Kalkül setzt. Wer das Buch von Rudi Heger gelesen hat, wird also feststellen dürfen, dass es uns heutzutage richtig gut geht. Solange wir Frieden halten. Es ist daher zu wünschen, dass das Buch ... viele junge Leser findet.
Über das Buch schrieb Matthias Kronau, Nordbayerische Nachrichten vom 19.07.2008, hier auszugsweise wiedergegeben.
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Beim Lesen alter Zeitungen stellten wir mit Erstaunen fest, dass bereits vor sechs Jahren die Tochter eines deutschen Kriegsgefangenen ebenfalls versucht hatte, das Grab ihres Vaters ausfindig zu machen. Alte Einwohner der Stadt Lebedjan berichteten über das schwere Los der Kriegsgefangenen.
Artikel aus der monatlich erscheinenden „Zeitung der Miliz für Alle“ mit Namen ‚Null Zwei’, Nr.6, 1999 von N. Starkina
Gefangene in Lebedjan
In unserem Rajon gab es keine deutschen Truppen, obwohl die Front nicht sehr weit entfernt war. Die hier lebenden Christen sind bis heute der Meinung, dass diese Gegend von Gott besonders geschützt wurde. Schon vor 600 Jahren wurden hier die Mongolen vertrieben. Nachdem die deutschen Truppen von der Station Jeljez zurückgedrängt wurden, kamen nach und nach Kriegsgefangene in unsere Gegend. Man hat sie auf dem Gelände der Maschinenfabrik untergebracht. Die meisten davon waren Rumänen. An die 20 Millionen Russen starben bei diesem Krieg, und es gab kaum eine Familie, die nicht darunter gelitten hat. Aber unsere Herzen waren nicht aus Stein. Viele Mütter dachten beim Anblick der Gefangenen sofort an ihre eigenen Söhne, von denen sie schon lange keine Nachricht erhalten hatten. Womöglich waren sie auch in Gefangenschaft. Obwohl sie selbst oft nicht viel zu Essen hatten, schickten sie ihre Kinder mal mit gekochten Kartoffeln, mal mit Rüben, zu den Gefangenen.
Die gefangenen Soldaten wurden bewacht und mussten verschiedene Arbeiten verrichten. Sie waren am Bau einer Fabrik beteiligt und haben Wasserrohre verlegt. Für die Sowchose „Agronom“ bauten sie ein eingeschossiges Verwaltungsgebäude. Ein alter Einwohner des Dorfs Trojekurowo, W. Moskwitsch, erinnert sich, dass es auch dort Kriegsgefangene gab. Die Einwohner wunderten sich, dass die deutschen Gefangenen Muscheln aus dem Fluss roh aßen. Die örtliche Bevölkerung hat sie dabei nicht gestört. Der ehemalige Kriegsteilnehmer, W. Wassiljew, der als Chauffeur nach dem Sieg arbeitete, erinnert sich, dass die Kriegsgefangenen als Lastträger arbeiteten, man bediente sich ihrer Hilfe. Er schrieb über seine Verantwortung für sie.
Nach dem Krieg gab es bei kaum jemandem Haushaltgegenstände wie Geschirr. Einige Frauen sind mit Blech zu den Gefangenen gegangen und ließen sich unter anderem Milchkannen herstellen, die genauso gut waren wie die Milchkannen aus der Fabrik. Gezahlt wurde mit Machorka-Tabak, der in jedem Garten angebaut wurde. Einmal bekamen die Kriegsgefangenen vom Roten Kreuz einen ganzen Wagon gefrorenen Fisch. Es herrschte Hungersnot. Viele Kinder hatten sich im Gebüsch versteckt und beobachteten wie der Wagon ausgeladen wurde. Einige Gefangene warfen Fische über den Zaun zu den Kindern, die glücklich damit nach Hause liefen.
Eines Tages wurden die Lagerinsassen freigelassen und fuhren in ihre Heimat. Wenige wissen, dass es hinter Lebedjan, unweit der Biegung des Don, einen Friedhof gibt, auf dem die Gefangenen liegen, die im Lager verstorben sind. Dort befindet sich zum Gedenken an sie ein kleines Denkmal.Vor einigen Jahren war hier eine Delegation aus Deutschland, die diesen Friedhof besucht hat. Zur Ehre der Deutschen muss man sagen, dass die Gräber der russischen Soldaten in Deutschland sehr gut gepflegt werden. Vielleicht gibt es auch heute noch in Deutschland jemanden, der sich in seinem kleinen Gemüsegarten an Russland, Lebedjan, erinnert, wo für ihn der Krieg zu Ende ging.
Auszug aus dem Leitartikel der monatlich erscheinenden „Zeitung der Miliz für Alle“ mit Namen ‚Null Zwei’, Nr.6, 1999 von N. Bor
Das Grab am Tal
Der Mensch lebt solange man Erinnerungen an ihn hat. Schauen Sie sich das Bild in dieser Zeitung an. Eine zierliche blonde Frau, eine Deutsche, ihr Name ist Heidi Rothe. Versteinert steht sie an einem Hügel, der nur noch mit einem kleinen Schild aus Eisen versehen ist. Darauf steht eine Nummer. Auf dem anderen Foto sieht man, wenn man genauer hin sieht, tausende von diesen besagten Gräbern. Heidi Rothe suchte ihren Vater über 50 Jahre lang und ist nun fündig geworden. An einem weit entfernten Ort tief in Russland.
Alles der Reihe nach: Aus dem fernen Berlin kam ein Brief nach Lipezk, der an den Bürgermeister mit der Bitte um Hilfe beim Aufsuchen des Grabes ihres Vaters adressiert war. Darin heißt es:
Mein Vater war Arzt / Chirurg, gestorben in Gefangenschaft im Alter von 33 Jahren. Sein Name war Günter Hilbrecht, geboren am 25. April 1913 in Berlin und gestorben am 25. Mai 1946 in der Stadt Lebedjan im Kriegsgefangenenlager Nummer 35
Weiter war im Brief der Ort der Grabstätte erwähnt. Sie schrieb ferner, dass der Zweite Weltkrieg ein schreckliches Ereignis für das russische Volk war und ihr Vater auch ein Opfer dieses grausamen Naziregimes geworden ist.
Nach so langer Zeit!
So viele Jahre sind ins Land gegangen. Man hätte sich der Sache ja nicht anzunehmen brauchen, aber die Stadtverwaltung und der Leiter der Abteilung des Archivs vom Innenministerium von Lipezk, Oberstleutnant W.B. Kopenkin, nahmen sich der Bitte der alten Dame gerne an. Im Verlauf einiger Monate führten sie Nachforschungen mit Hilfe seiner Mitarbeiter und der Miliz aus Lebedjan durch. Es stellte sich heraus, dass auf dem Territorium des Gebiets Lipezk sich zu dieser Zeit mehrere Kriegsgefangenlager befanden hatten:
Lager 35 im Kreis Lebedjan, Dorf Strilzi, Dorf Trojekurowo,
Lager 95 im Dorf Nowogulanko, Kreis: Usmanski und
Lager 263 in der Stadt Jeljez.
Neben diesen Lagern befanden sich die dazugehörigen Friedhöfe. Der größte von ihnen befand sich bei Strilzi, dort wurden 772 Kriegsgefangene beerdigt. Es waren nicht nur auschließlich Deutsche, ihre Zahl belief sich auf ca. 400, sondern darüber hinaus waren auch 150 Moldawier, über 100 Rumänen, 50 Urkainer, Österreicher, Tschechen und Franzosen.
Im Archiv befanden sich viele Einzelheiten, die uns halfen, den Vater von Frau Rothe zu finden.
Es gab sogar Legenden über die besagten Friedhöfe, zum Beispiel eine, die man sich über den Friedhof in Trojekurowo erzählt. Der Friedhof befindet sich am Waldrand des Waldes Scharowsk und dieser befindet sich an einer Obstplantage der Sowjose mit Namen "15. Jahrestag der Oktoberrevolution". Der Weg zum Friedhof führt durch die Obstgärten. Hierzu gab es auch noch Zeichnungen und Pläne der Friedhöfe. Der Friedhof des Lagers Nummer 35, auf dem sich auch das Grab von Günter Hilbrecht befindet, liegt auf dem Territorium einer Kolchose mit Namen "20 Jahrestag des Oktober". Er erstreckt sich am Nordrand des Tals "Pilin Log". Seine Fläche beträgt 0,4 Hektar. Sie liegt östlich der Moskauer Donbas-Eisenbahnstrecke, nicht weit entfernt von der Station Lebedjan. Drei hundert Meter von dem 29. Meilenstein dieser Bahnstrecke entfernt. Die Maschinenbaufabrik und die umgebende Wohnsiedlung befinden sich achthundert Meter von dem Friedhof.
Dazu ist auch ein Plan vorhanden. Der Friedhof war in Quadranten aufgeteilt. In jedem Quadranten befanden sich 20 Gräber. Die erste Beerdigung auf diesem Friedhof fand am 6. Mai 1944 statt. Es wurden auch Listen geführt. Anhand dieser Listen konnten die Milizbeamten den Namen Hilbrecht, Günter, geboren 1913, Rangbezeichnung: Kapitän, gestorben am 25. Mai 1946, beerdigt am 26. Mai 1946 unter der Nummer 761 finden. Diese jedoch stimmte nicht mit der Nummer von Frau Rothe überrein. Laut unserer Liste war ihr Vater im Quadrant 39, im zweiten Grab beerdigt. Gemäß ihrer Informationen war er im Quadrant 44, Grab 24, welches es nie gegeben hat.
Der letzte, auf diesem Friedhof Beigesetzte, war ein Hans Leopold, geboren 1921, ein deutscher Leutnant. Er wurde im Grab Nr. 13 des 39. Quadranten unter der Nummer 772 beerdigt. Der Friedhof wurde am 7. Juli 1946 geschlossen.
Was mit den anderen Gefangenen passiert ist, ob sie überlebt haben oder sogar in ihre Heimat zurückgekehrt sind, ist nach den Archivunterlagen nicht nachvollziehbar.
Die Beamten von der Lebedjaner Miliz haben Einwohner aufgesucht, die über viele Jahre diesen Friedhof gepflegt haben. Es gibt sogar eine Akte, in der über den Zustand des Friedhofs berichtet wird. Zum Beispiel befindet sich darunter ein Vermerk für das Jahr 1949: "Der Friedhof ist nicht umzäunt, aber von einem Graben umrandet. Die Mehrheit der Gräber ist eingefallen und nicht mehr zu erkennen. Jegliche Markierungen fehlen. Es gibt fünf große Gräber, in denen aller Wahrscheinlichkeit nach mehrere Kriegsgefangene zusammen beerdigt wurden. Zehn Gräber sind geöffnet worden und zwar einen bis anderthalb Meter tief. Das wird durch die ausgehobene Erde sichtbar. Der Zeitpunkt, an dem die Gräber geöffnet wurden, ist nicht länger als ein Jahr her."
Die Stadtverwaltung von Lebedjan hat es abgelehnt, den Friedhof und die dazugehörigen Listen in ihre Akten aufzunehmen. Der Grund dafür war, dass es hierfür keine Anweisungen von der Kreisverwaltung gab.