Die Wende
47 Jahre lang hatte ich nach dieser Vermißtenmeldung keinen Anhaltspunkt über das Schicksal meines Vaters oder auch nur für eine gezielte Suche. Die unter Gorbatschow in der Sowjetunion vollzogenen politischen Veränderungen führten jedoch im Jahre 1990 zu einer Neuordnung der Beziehungen zwischen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken und der Bundesrepublik Deutschland. In dem "Vertrag der guten Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit.." wurde die Kriegsgräberfrage als ein zu lösendes Problem erwähnt. Die Regierungen der Unionsrepubliken wollten danach nicht nur den Zugang zu deutschen Gräbern gewährleisten, sondern diese Stätten auch erhalten und pflegen. 1993 wurde zwischen der Bundesrepublik Deutschland und allen GUS-Republiken ein Kriegsgräberabkommen geschlossen, das lediglich von Belorussland nicht ratifiziert wurde. Von besonderer Bedeutung ist die Tatsache, daß mit diesem Vertrag sowjetische Archive geöffnet wurden, in denen Unterlagen über Kriegsgefangene vorhanden sind.
Als ich davon im Jahre 1999 erfuhr, wandte ich mich sofort an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Im Jahre 2001 hielt ich das entscheidende Schreiben über das Schicksal meines Vaters in der Hand: Er hatte die Kämpfe offenbar unverwundet überstanden, war nach kilometerlangen Märschen, hungernd und mit letzter Kraft in ein eilends in dieser Region errichtetes Lager eingeliefert worden. Bereits fünf Wochen danach war er bei hohem Fieber und Ruhr im Lazarett ohne jegliche Medikamente verstorben. Junge Frauen der Umgebung zogen im Winter täglich -zig Tote auf Schlitten, später im Jahr auf Karren zu einem Massengrab, wo sie unter Bewachung von den eigenen Kameraden beerdigt wurden.